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Die neue SPD-Vorsitzende will vor allem eines: Verlässlichkeit

"Klare Kante" mit Kraft

Von Marion Kretz-Mangold

Eine Kandidatin ohne Konkurrenz, Delegierte ohne Diskussionsbedarf: Der Sonderparteitag der SPD hätte miefige Routine werden können. Stattdessen Spannung im Saal: Wie will Kraft, die neue Hoffnung der Genossen, die nächsten Wahlen gewinnen?

 

Mülheimer Genossen recken die Daumen hoch; Rechte: WDR/Kretz-Mangold

Daumen hoch für Hannelore

Das erste Pikkolöchen wird um 9 Uhr geköpft. "Prost, auf Hannelore!" Die Genossen aus dem SPD-Unterbezirk Mülheim haben etwas zu feiern: Die künftige Parteivorsitzende ist eine von ihnen. Und deswegen sind sie an diesem Samstagmorgen (20.01.07) mit dem Bus angereist und haben die Tribüne oben links okkupiert. Dort verbreiten sie eine Stimmung wie im Stadion - sie haben sogar einheitliche T-Shirts an, knallrot mit dem eingängigen Spruch "Kraft für NRW" auf dem Bauch und dem Wortspiel "20.01.07 Jahrhunderthannelore" auf dem Rücken. "Hat unser Geschäftsführer sich ausgedacht", sagt eine Mülheimerin. "Wir müssen doch zeigen, dass wir hinter Hannelore stehen."

 

Nicht, dass Hannelore Kraft die Solidaritätsbekundungen wirklich nötig hätte. Es gibt keine Konkurrenten, gegen die sie sich an diesem Morgen behaupten müsste. Als der Vorsitzende Jochen Dieckmann im Dezember seinen Rücktritt erklärte, hat der Parteivorstand sie am nächsten Tag einmütig zu seiner Nachfolgerin bestimmt. Aber vielleicht wollen ihre Parteifreunde im roten Hemd ihr auch nur Mut machen. Kraft hat zwar oft genug gesagt, dass sie sich den Vorsitz zutraut, und die Mülheimer Basis hält auch große Stücke auf sie. "Sie ist ein Herz, und sie verströmt ein Wir-Gefühl'", sagt Renate aus der Beek, die als Delegierte mitwählen darf. Aber da sind die vielen anderen, die Kraft noch nicht persönlich kennen. "Und da", sagt aus der Beek energisch, "muss heute der Funke überspringen."

 

Der alte sozialdemokratische Geist

Kraft und Müntefering; Rechte: dpa

Hilfe vom Vor-Vorgänger

Eine Herausforderung vor 450 Delegierten, vielen neugierigen Parteifreunden und etlichen Journalisten, die Kraft mit scharfen Augen und Dutzenden von Kameras beobachten. Wirkt sie gestresst? Wie geht sie mit Dieckmann um? Feilt sie bis zum Schluss an ihrer Rede? Wenn sie nervös ist, dann merkt man es ihr nicht an. Sie plaudert ein bißchen mit ihrem Amtsvorgänger, telefoniert und hört dann Franz Müntefering zu. Der war ihr Vor-Vor-Gänger im Amt und wurde einmal mit nie dagewesenen 99,6 Prozent gewählt, weil er die sozialdemokratischen Be- und Empfindlichkeiten genau kennt. Jetzt redet er den Genossen energisch Mut zu, wirbt um Geschlossenheit und spricht vom Wert der Bildung und der Steinkohle, Themen, die Kraft am Herzen liegen und mit denen sie sich schon gegen andere Parteigrößen gestellt hat. Als Müntefering mit "Glückauf!" schließt, weht der SPD-Kumpel-Geist durch die Halle - und die Delegierten sind begeistert.

 

Die Ära Dieckmann ist schon abgeschlossen

T-Shirt mit Aufschrift "Kraft für NRW"; Rechte: WDR/Kretz-Mangold

Klare Botschaft

Kontrastprogramm: Jochen Dieckmann verabschiedet sich. Der Jurist, der als "Büroklammer" geschmäht wurde, bleibt sich auch bei seinem letzten Auftritt als Vorsitzender des größten Landesverbandes treu - und verliest eine Bilanz seiner Amtszeit. Die Delegierten hören nur unaufmerksam zu und klatschen schließlich 50 Sekunden lang. "Ich gehe nicht leichten Herzens", hat Dieckmann gesagt. Aber die Delegierten scheinen schon mit der Ära Dieckmann abgeschlossen zu haben.

 

Verlässlichkeit ist das wichtigste

Jahrhunderthalle während des SPD-Parteitages; Rechte: WDR/Kretz-Mangold

Gespannte Stimmung im Saal

Dann um 11.30 Uhr Jubel vom Hannelore-Fan-Block auf der Tribüne: Die künftige Parteivorsitzende tritt an das Rednerpult. 28 Seiten ist das Manuskript stark, das vorher an die Presse verteilt wurde, eine Sammlung dessen, woran Kraft glaubt: den Strukturwandel im Ruhrgebiet und den RAG-Börsengang, den Mindestlohn und Bildung für alle. Dazu alles, was die Landesregierung veranlasst hat und Kraft vehement ablehnt: Studiengebühren, Ausstieg aus der Steinkohle-Subventionierung und Atomkraft. Das bringt ihr immer wieder Beifall, erst recht, wenn es gegen den Ministerpräsidenten geht: "Rüttgers ist kein Arbeiterführer, er ist ein Sozialschauspieler." Wohlkalkulierte Spitzen, die wirken: Die Delegierten lauschen gespannt.

Interessant auch, was Kraft noch kurz vorher in ihre Rede eingebaut hat. Sie begrüßt einen Essener Sozialdemokraten, der seit 80 Jahren Mitglied ist, und verspricht ihm, für die alten Werte einzutreten. Zitiert den alten Slogan "Atomkraft, nein danke". Dankt den Sturm-Helfern und besteht darauf, dass "dieses Land ein offenes Land ist und offen bleiben soll." Das zielt direkt ins sozialdemokratische Herz. Und als Kraft die "klare Kante" verspricht und einfordert, wissen die Leute hier genau, was sie meint. Verlässlichkeit ist das Wichtigste, heißt das. Verlässlichkeit und Geschlossenheit, vor allem nach außen: "Drinnen können wir diskutieren, aber nicht draußen."

 

"Ohne euch hätte ich das nicht geschafft"

Kraft; Rechte: dpa

Strahlende Parteivorsitzende

"Ich werde auf Ergebnisse drängen", sagt Kraft zum Schluss, und es wirkt gar nicht bedrohlich. Die Delegierten klatschen jedenfalls begeistert, und als Kraft spontan den Fussball-Song des vergangenen Sommers auf die nächsten Landtagswahlen 2010 ummünzt - "Mit dem Herzen in der Hand und der Leidenschaft im Blut werden wir die Besten sein" - springen die Genossen auf. Die Mülheimer Genossen in Rot hat es da schon längst nicht mehr auf den Sitzen gehalten. "Han-ne-lore, Han-ne-lore", skandieren sie. Später, bei der Stimmauszählung, kommt Kraft zu ihnen hoch, schüttelt Hände, lässt sich umarmen und immer wieder fotografieren. "Ohne euch hätte ich das nicht geschafft", sagt sie.

95,6 Prozent der Stimmen hat Hannelore Kraft schließlich bekommen: 18 Delegierte waren doch nicht von ihr überzeugt. Wer das war, ist jetzt nicht festzustellen. Die Parteispitzen und die Delegierten müssen weiter, zum Neujahrsempfang in Duisburg. Die Mülheimer Genossen ziehen die warmen Hemden wieder aus und trotten zum Bus. Vielleicht findet sich da noch ein Pikkolöchen.

 

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